Talkrunde mit Carsten Strähle (Geschäftsführer Hafen Stuttgart), Michael Giss (Kapitän zur See, Landeskommando Bundeswehr Baden-Württemberg), Marcel Lohbeck (Geschäftsführer BÖB), Nicole Razavi (Ministerin für Verkehr Baden-Württemberg) und Franz-Stefan Gady (Militäranalyst und Journalist). Foto: Steffen Schmid
Unter dem Titel „Binnenhäfen als Anker krisenresilienter Logistik in Zeiten geopolitischer Unsicherheit“ fand am 14. Oktober 2026 in Stuttgart die Jahrestagung des Bundesverbandes Öffentlicher Binnenhäfen e. V. (BÖB) statt. Rund 80 Gäste aus Hafenwirtschaft, Logistik und Verbänden diskutierten über die wachsende Bedeutung leistungsfähiger Verkehrsinfrastrukturen für die zivile Versorgung und militärische Anforderungen.
Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady machte in verschiedenen Szenarien deutlich, welche zentrale Rolle die deutsche Logistik- und Transportinfrastruktur für die Verteidigungsplanung der NATO und die Unterstützung der Ukraine spielt. Gleichzeitig seien Verkehrsknoten zunehmend hybriden Bedrohungen wie Cyberangriffen oder Sabotage ausgesetzt.
Im Mittelpunkt der Jahrestagung stand daher die Frage, wie die bereits stark beanspruchte Verkehrsinfrastruktur so gestärkt werden kann, dass sie auch in Krisensituationen die zivile Versorgung gewährleistet und zugleich militärischen Anforderungen gerecht wird. Ebenso wurde diskutiert, wie systemrelevante Verkehrsinfrastrukturen und Logistikknoten wirksam geschützt werden können.
An der Podiumsdiskussion beteiligten sich Nicole Razavi, Ministerin für Verkehr des Landes Baden-Württemberg, der Militäranalyst Franz-Stefan Gady, Kapitän zur See Michael Giss vom Landeskommando der Bundeswehr Baden-Württemberg sowie Carsten Strähle, Geschäftsführer der Hafen Stuttgart GmbH. Moderiert wurde die Veranstaltung von Marcel Lohbeck, Geschäftsführer des BÖB.
Die Diskussion machte deutlich, dass auch im System Wasserstraße Sicherheit und Krisenvorsorge angesichts zunehmend vulnerabler Logistikketten neu gedacht werden müssen. Eine wichtige Grundlage für widerstandsfähige Lieferketten bilden dabei redundante Verkehrsinfrastrukturen und multimodale Logistikknoten. Binnenhäfen übernehmen hierbei eine zentrale Funktion, da sie die Verkehrsträger Wasserstraße, Schiene und Straße miteinander verbinden.
Auch der Zustand und die Leistungsfähigkeit der vorhandenen Infrastruktur standen im Fokus. BÖB-Präsidiumsmitglied Carsten Strähle verwies darauf, dass sich der langjährige Investitionsbedarf insbesondere mit Blick auf militärische Transporte zunehmend bemerkbar mache. Zugleich seien wichtige Reserven, darunter Diesellokomotiven und spezialisierte Bahntrailer, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert worden.
Verkehrsministerin Nicole Razavi unterstrich die strategische Bedeutung der Binnenhäfen und Bundeswasserstraßen. Sie kündigte an, dass sich die Verkehrsministerkonferenz am 21. und 22. Oktober erneut mit der Finanzierung der Wasserstraßen und Binnenhäfen befassen werde. Darüber hinaus erarbeite Baden-Württemberg derzeit eine eigene Hafenstrategie mit konkreten Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Krisenresilienz der Häfen.
Joachim Zimmermann, Präsident des BÖB, zog ein klares Fazit: Die Binnenhäfen seien wichtige Ermöglicher einer krisenresilienten Logistik. Diese Funktion könnten sie jedoch nur erfüllen, wenn auch die vorgelagerten Infrastrukturen zuverlässig funktionierten. Der BÖB appelliert deshalb an den Bund, die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur deutlich zu erhöhen und insbesondere die Bundeswasserstraßen dauerhaft mit ausreichenden finanziellen Mitteln auszustatten.
Beim Schutz Kritischer Infrastrukturen sprach sich Zimmermann zugleich für praxistaugliche und verhältnismäßige Lösungen aus. Hafen- und Anlagenbetreiber seien sich ihrer Mitverantwortung bewusst, könnten jedoch keine hoheitlichen Aufgaben übernehmen. Neue Vorgaben müssten daher effektiv, umsetzbar und mit geeigneten Fördermöglichkeiten verbunden sein.

